Indien- Traum oder Alptraum?

14Okt2012

Weder, noch. Oder besser, beides ein bisschen. Es ist ein Traum, hier
zu sein, weit weg von allem, das man in- und auswendig kennt, mal alles
Geschehene sacken lassen zu können , herausgelöst  zu sein. Ein kleiner Alptraum, hier Frau zu
sein. Für einige Monate lässt sich alles aushalten, ein Leben könnte ich mir
hier nicht vorstellen. Der Anfang vom Ende ist, dass ich weiß bin. Abgesehen
davon, dass die meisten im Ort noch nie in ihrem Leben einen hellhäutigen
Menschen gesehen haben und deshalb eh immer alle starren, werden weiße Frauen von
manchen als Prostituierte angesehen. Wirft man einen Blick in das indische
Fernsehen, wird schnell klar, warum, blonde, helle Frauen in knappsten Outfits räkeln
sich in Musikvideos und damit aufs provokativste als Objekte propagiert, die
leicht zu haben sind. Deswegen können sich manche hier garnicht vorstellen,
dass es auch Menschen bei uns gibt, die nicht so sind. Würde ich im Trägertop
rumlaufen, bedeutete dies sozialer Selbstmord, deswegen heißt es hier auch bei
30°C immer verhüllt unterwegs sein, weder Schulter noch Knie zeigen, am besten
im traditionellen indischen SalvaKameez. Mir wurde erzählt, viele Inder hätten
ihre eigene Frau noch nie komplett nackt gesehen, bei dem Bevölkerungswachstum
kann ich mir das allerdings kaum vorstellen..

Zu meiner Hautfarbe kommt dann natürlich noch, dass ich rauche. Für
Frauen ist das Rauchen in der Öffentlichkeit nahezu überall untersagt, man wird
mit missachtenden Blicken und Geraune bestraft, wird man von der Polizei auf
der Straße erwischt, muss man 500Rupien bezahlen –was niedliche 7€ sind- aber
skurril ist es trotzdem, ich meine wegen Rauchen auf der Straße, hallo? Ich
wurde diesbezüglich schnell aufgeklärt, in meiner ersten Woche in Bangalore wollten
eine andere Freiwillige und ich eine rauchen, als sofort ein aufgebrachter Polizist
in Pfadfinderuniform auf einem Leopardenmoped angedüst kam und uns zusammen mit
einem wütenden Passanten in halb Englisch halb Kannada erklären wollte, das
Rauchen wäre auf öffentlichen Plätzen untersagt. Sehr viel Autorität hat er in
diesem Moment komischerweise nicht ausgestrahlt.  Rauchende Frauen werden von manchen als
ebenso schlampig angesehen, wie weiße. Doof, wenn man beides ist.  Naja, das eine kann man ja wenigstens
verstecken.

Auf dem Big Bazaar in Mysore habe ich mir ein Fußkettchen gekauft, nach
dem ich es eine Woche lang am rechten Knöchel getragen habe, habe ich gehört,
dies sei ein Zeichen von Prosituierten. OH GOTT! Weiß, rauchend und dann noch
das Fußkettchen.. Allerdings sagt dies nur die Hälfte der Leute. Manche sehen
es so, andere sind der Meinung, das sei nur eine Fashionfrage und hätte nichts
mit der Frau zu tun. Und genauso sehen manche vielleicht das Vorurteil der
deutschen Frau,  für viele sind Hellhäutige
allerdings auch Götter und sie behandeln einen als ihren Gast auch sehr höflich
und zuvorkommend.  Also eigentlich weiß
man so richtig garnicht, was man machen oder wie man sich verhalten soll, weil
jeder etwas anderes sagt.

Wenn ich sehe, wie viele Männer hier ihre Ehefrauen behandeln, würde
ich am liebsten einschreiten, aber das wäre natürlich verheerend. Genauso
übermannt mich die Wut, wenn kleine Kinder in der Schule verprügelt werden. Für
die Frauen hier bedeutet Stärke jedoch nicht, sich gegen diese Missachtung zu
wehren, sondern sie verstehen sich als starke Frau, wenn sie den Haushalt
erfolgreich meistern und den Erniedrigungen des Mannes standhalten.

Unsere Gastmutter lebt getrennt von ihrem Mann, sie hat 2 Töchter,  13- und 15 Jahre alt und ist trotzdem bereit,
2 Volunteers aufzunehmen. Ich bewundere sie, sie schmeißt den Haushalt, ihre Kinder
erzieht sie allein, das gelingt ihr sehr gut, sie können beide unglaublich gut
Englisch, was hier nicht bei vielen in dem Alter der Fall ist. Oftmals sieht
man ihr an, wie geschafft  sie ist, sie
verliert dennoch nie ihre Fröhlichkeit, das finde ich stark. Ich muss zugeben,
ich finde sie auch deshalb toll, weil sie, trotzdem sie orthodox Hindu ist uns
gestattet, auf ihrem winzigen Hof hinterm Haus zu rauchen :P

Ich bin mit Anna einer anderen Freiwilligen zusammen in der
Gastfamilie, wie verstehen uns super, das macht vieles hier um einiges
leichter, weil wir zusammen drüber reden und über vieles auch lachen können. Wir
haben uns mittlerweile sehr gut an die häuslichen Umstände gewöhnt, das kleine
Kämmerchen zu zweit,in dem nicht selten in letzter Zeit fette Kakerlaken und
Heuschrecken rumkrabbeln,  der Wohn-,
Ess- und Schlafraum in einem nebenan, der Waschraum, in dem man manchmal nach
dem Duschen schlimmer stinkt, als nach 5 Stunden Lagerfeuer, weil das Wasser
durch das Verbrennen unseres Mülls erhitzt wird, die Mahlzeiten auf dem Boden
im Schneidersitz, ohne Besteck, mit ausschließlich der rechten Hand, die
Lochtoilette im Boden, den Alltag ohne fließend Wasser und mit Strom im
Stundentakt. Eine ja, eine nein. An all das haben wir uns schneller gewöhnt,
als erwartet..

Nur an eines können wir uns beim besten Willen nicht gewöhnen: Volunteersmüssen
um 19Uhr spätestens zurück  in ihrer
Gastfamilie sein. Jeder, der mich näher kennt, weiß, dass ich ein nachtaktiver
Mensch bin, der abends nicht gerne drinnen rumsitzt und nichts zu tun hat. Aber
auch das geht irgendwie zu verkraften und zwar dank einer einzigen Person:
Prakash. Er ist der bunte Hund des Ortes, jeder kennt ihn, weil er bei der
Presse aktiv ist, jeder mag ihn. Er hat sich mit der Zeit zu der Kontaktperson
von Hunsur für die Freiwilligen entwickelt und ist uns ein toller Freund
geworden. Er pflegt überall Beziehungen, ist zum Beispiel sehr gut mit meiner
Gastmutter  und dem Direktor des
Waisenhauses befreundet, in dem ich arbeite. Aus diesem Grund können wir auch
bis in spätere Abendstunden mit ihm unterwegs sein oder die Pooja miterleben,
die er jeden Abend im Zuge des Ganeshafestivals in seinem Garten veranstaltet.
Hier wird ein Gebet für den Elefantengott mit allerlei traditionellen Akten
abgehalten, es finden kleine Wettkämpfe statt und jeden Abend bringt eine
andere der vielen Familien die teilnehmen für alle selbstgekochtes Essen mit,
was einfach immer toll schmeckt. So kam es, dass Anna und ich schon öfters die
bereits schlafende Mrs.Kavya geweckt haben, weil wir erst um 23Uhr Zuhause
waren. Und selbst da schüttle ich hier baff den Kopf, weil zu solchen Zeiten
der Abend in Deutschland noch nicht mal angefangen hat.  Wir waren mit Prakash und anderen
Freiwilligen vorletzte Woche einen Tag in Bangalore, beim Championshipfinale im
Hockey, weil der Bruder seiner Frau internationaler Hockeyspieler ist und
demnächst fahren wir nach Coorg, einem wunderschönen hügeligen District  westlich 
von uns, in dem es Wasserfälle und endlose Plantagen gibt –lonely Planet
beschreibt es als paradiesisch-, dort hat Prakash noch ein Haus, in dem es
vorallem eines gibt: keine Zeitbegrenzung. Ein perfekter Ort also für die
Freiwilligen für ein paar Tage.

Ansonsten verbringe ich die Tage von 10-16Uhr im Projekt, wir sind 3
Freiwillige und 2 Kannadalehrer (Kannada ist die Sprache in Karnataka- dem
Bundesstaat, in dem ich mich befinde) auf gerade mal 10 Kinder, das ist
natürlich erstmal ganz schön viel, aber gleichzeitig garnicht schlecht, denn
die Kinder brauchen wahnsinnig viel individuelle Förderung. Außer 2-3 von ihnen
können sie im Alter von 9-12 nicht richtig addieren und ihr Englisch besteht
vorallem aus „Madam, I!“ oder „Sir, movie?“. Unsere Hauptaufgaben bestehen
deswegen hauptsächlich darin, sie im Rechnen zu trainieren und ihnen komplette,
englische Sätze anzueignen. Nach der Arbeit geht’s dann in das Projekt von
Prakash, in welchem Frauen in vielen Arbeiten wie zum Beispiel Nähen
unterrichtet werden. Dort lerne ich mit Anna, Robert und Moritz zusammen von
einigen Jugendlichen aus unserem Ort ab 17Uhr indischen Tanz, welcher
eigentlich am besten beschrieben ist mit traditionellen, religionsbezogenen
Elementen mit Einfluss von zum Beispiel Ballett und HipHop. Es ist auf jeden
Fall immer sehr spaßig und gibt uns die Möglichkeit, der indischen Kultur ein
ganzes Stück näher zu kommen.

Am Donnerstag bei Prakashs Pooja am Abend hatten wir einen Tanzauftritt
vorm halben Ort, ich glaube es war der Event des Jahres, Weiße indisch tanzen
zu sehen. Und es war definitiv sehr amüsant. Die Menge war begeistert und
wollte uns gleich zweimal sehen, heute oder morgen abend wird es dann im
örtlichen Fernsehsender ausgestrahlt.

Unseren freien Samstag haben Robert und ich in Mysore verbracht, wir
sind mit Prakash und seiner Frau in dessen Auto hingefahren, waren im Big
Bazaar, Robert hat mir einen wunderbaren Kleiderladen gezeigt, den er neulich
entdeckt hat, in dem esbunte Stoffe, wildgemusterte Hosen sogar aus Seide und
unglaublich schöne Taschen wie aus tausend und einer Nacht zu kaufen gibt. Das
ist genau die Art von Kleidung, die ich überall in Indien erwartet hatte, aber
leider enttäuscht wurde. Die meisten Kleidungsstücke, die man hier erwerben
kann sind zwar hübsch, aber von geringer Qualität, beim Abendessen im indischen
Schneidersitz sind mir mittlerweile schon 2 Hosen gerissen. Jetzt habe ich also
meinen Laden gefunden, in dem ich garantiert noch seeehr viele Stunden verbringen
werde.



Wer weiß, wann ich das nächste Mal schreibe, die Sache mit dem Internet
ist hier nicht ganz einfach, also nehmt es mir auch bitte nicht übel, wenn ich
dem ein oder anderen etwas länger nicht antworten kann, allein der regelmäßige
Stromausfall macht mir da einen gehörigen Strich durch die Rechnung.

Ich versuche jedoch, mich sobald wie möglich wieder diesem Blog
zuzuwenden, den ich die letzte Zeit echt ganz schön vernachlässigt habe. Aber
manchmal ist es garnicht so einfach, seine Eindrücke in Worte zu fassen.

Ich wünsche euch allen tolle Tage, raucht viel auf der Straße, genießt
es, dass euch nicht jeder anstarrt und feiert kräftig für mich mit!!



Küsse

Eure Becci



 



 



 



 



 



 



 



 



 



 

Es geht los!

16Sept2012

In nicht einmal mehr 5 Stunden wird der große Abschied stattfinden, ich hoffe, ich bin danach nicht komplett dehydriert.. Ich freue mich total darüber, dass es doch einige von euch einrichten konnten und mich zum Flughafen begleiten, ihr seid toll! :)

Sobald ich in Indien dann Internet eingerichtet habe, folgt alles weitere, hoffentlich dauert das nicht allzu lange, ich kenn doch mich und meine Technikkünste..

 

Bis dann

Ihr hört von mir

Küsse ♥

Indien? Alleine? ...

24Juni2012

"Oh Gott hast du dir das auch wirklich gut überlegt?"

"Das ist doch voll gefährlich als Frau.."

Ihr Lieben! Obwohl ihr mir zum Teil so viel Erstaunung entgegengebracht habt, werde ich meine 3 Monate in Indien durchziehen! Die Flüge sind endlich gebucht und so geht es früh am 16. September los, nachhause fliege ich am 10. Dezember, jeweils mit Zwischenstop in London. Es sind jetzt fast noch 3 Monate und unendlich viel bleibt zu tun. Geld verdienen, impfen lassen, alles nötige besorgen, da steht noch viel Stress an. Aber der wird sich lohnen, ich kann die Zeit kaum mehr abwarten :)